Die Trauma-Reise
In Hamburg steht die »Landshut«-Entführerin Andrawes vor Gericht - und konfrontiert ihre einstigen Geiseln mit der Vergangenheit: das Leben der Opfer 19 Jahre danach
- VON ISABEL STRASSHEIM -
Ihr erster Flug danach ging wieder nach Mallorca. 17 Jahre lang war sie nicht geflogen. Dann wiederholte sie die Reise, die sie in einen fünftägigen Alptraum geführt hatte: Brigitte Pittelkow wollte mit der Erinnerung an die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" fertigwerden; der Entführung, die im Oktober 1977 nach einem Irrflug über Rom, Larnaca, Dubai und Aden schließlich in Mogadischu mit der Befreiung durch die GSG 9 endete. Und doch für die heute 45jährige Pittelkow, eine der 87 Geiseln, nicht zu Ende ging.
Platzangst, vor allem in engen Sitzreihen, Herzrasen, Schweißausbrüche verfolgen sie seitdem. Und ein großes Schweigen. "Ich konnte nicht darüber reden", sagt die Frau heute mit offenem Blick. Anders als ihrem Mann, der mit ihr als Passagier in der Maschine gesessen und den die Geiselnehmer wie sie gefesselt und mit Alkohol übergossen hatten, damit sie bei einer Sprengung des Flugzeuges besser brennen würden, gelang es ihr viele Jahre nicht, über ihre damalige Todesangst zu sprechen. "Ich habe die Zeit gebraucht, um mich wieder im normalen Leben zurechtzufinden."
Jetzt sitzt sie im Hamburger Oberlandesgericht, nur ein paar Meter entfernt von ihrer früheren Geiselnehmerin, der Angeklagten Souhaila Andrawes. Kühl berichtet Pittelkow von ihrem schlimmsten Erlebnis während der Entführung: als der Anführer der Terroristen den Piloten Jürgen Schumann erschoß, im Mittelgang des Flugzeuges vor allen Passagieren. "Ich glaube, die Ermordung eines Menschen erwartet man eigentlich nicht. Es überraschte mich aber nicht, als der Schuß fiel. Nach allem, wie sich der Anführer aufgeführt hat, hat man es erwartet." Ihr sachlicher Erzählstil stockt da zum ersten Mal, und auf der Anklagebank kann man Andrawes seufzend ausatmen hören.
Vor einem Jahr haben sich die beiden Frauen in Oslo wiedergesehen. Nachdem die einzige Überlebende der vier Entführer in Norwegen gefaßt worden war, lud ein Fernsehsender Andrawes und Pittelkow zu einem gemeinsamen Interview ein. "Zuerst habe ich mich wie eine kleine Maus gefühlt, die Bedrohung war wieder da", gesteht Pittelkow. "Dann aber war Andrawes plötzlich die Bedrohte." Die ehemalige Terroristin habe ihr schüchtern gegenübergesessen. Ihren Fragen sei sie ausgewichen. Warum sie die Ermordung des Piloten nicht verhindert habe? Keine Antwort. "Ich habe ihr vergeben", sagt Pittelkow dennoch. Seitdem sind die Angstzustände für die Berliner Studienrätin vorbei.
Oft behält der Täter noch lange Zeit nach dem Verbrechen eine scheinbare Macht über das Leben des Opfers. Wie der Psychologe Matthias Schützwohl von der Technischen Universität Dresden beobachtet hat, kann "häufig erst durch Dritte die unrealistische Einschätzung des Täters korrigiert werden". Deshalb sei für die Opfer ein Gerichtsprozeß sehr wichtig. Meist gelinge es den Geschädigten nur so, ein normales Verhältnis zu den Tätern zu bekommen und von ihren Verfolgungsängsten befreit zu werden. Schützwohl untersucht in einem Forschungsprojekt über "posttraumatische Belastungsstörungen" die seelischen Folgen von Ereignissen, die außerhalb der üblichen Erfahrung liegen und mit großen Schrecken und Angst erlebt wurden.
Nach Todesangst-Erfahrungen erhöht sich Schützwohl zufolge die Wahrscheinlichkeit, unter psychischen Störungen zu leiden, wesentlich. "Die klassischen Symptome sind dann ständige Überreizung, zwanghaftes Wiedererinnern und der Rückzug von anderen Menschen, das Nicht-darüber-Reden." Ein Weiterleben wie vorher sei unmöglich. "Danach geht das Leben scheinbar normal weiter, anders als man sich das denkt": Jürgen Vietor war Kopilot der "Landshut" und mußte die Maschine nach dem Mord an Schumann, "einem einzigen Horrortrip", allein steuern.
Schon vier Wochen nach der Befreiung in Mogadischu saß er wieder im Cockpit. "Ich wußte nicht, ob es gehen würde, aber es ging." Der Pilot hatte die Flucht in die Arbeit gesucht. Er sei, so sagt er selbst, "ein pragmatischer Mensch". Und trotzdem - nach zehn Jahren kamen die Alpträume."Jetzt werde ich dich erschießen." Immer wieder drohte Akache, der Anführer der arabischen Terroristen, während der fünf Tage, ihn niederzuschießen. Einmal war es das Signet auf Vietors Armbanduhr, das den Entführer an den Davidstern erinnerte, so daß er den Kopiloten anschrie: "Du bist jüdisch", und ihm die Pistole an die Schläfe setzte. "Ich habe um mein Leben gefleht und gebettelt", berichtet Vietor. Schließlich nahm Akache die Uhr und zerhackte sie eigenhändig mit dem Notbeil des Flugzeugs.
Das Entsetzlichste für Vietor war aber nicht die willkürliche Macht, der er während der Entführung ausgeliefert war, sondern die Todesangst. Denn, und das sagt er höchst lapidar, "der Tod ist das Konkreteste überhaupt". Ob man eine so starke Erfahrung je verkraften kann, weiß Reiner Kämmler, Leiter der psychologischen Abteilung der Lufthansa, nicht. Und dennoch, man dürfe sie nicht verdrängen. Zwar sei das eine naheliegende Reaktion, aber das Erlebte komme letztlich doch "immer wieder hoch". Deswegen rät der Verhaltenstherapeut Kämmler, die Betroffenen noch einmal mit der belastenden Situation zu konfrontieren.
Genauso wie Piloten in der Schulung mit simulierten Notfallsituationen umzugehen lernen, könne dies auch im nachhinein in einer Therapie geübt werden. Allerdings habe es dafür 1977 nach der "Landshut"-Entführung "trotz vieler therapeutischer Hilfsangebote der Lufthansa für die Geiseln mit Sicherheit nicht genügend Experten gegeben".
Auch der damals gerade neu gegründete Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern, der Weiße Ring, mühte sich um die befreiten Geiseln. "Für die Opfer ist eine schnelle, unbürokratische Hilfe sehr wichtig", betont der Vorsitzende Max Herberg. Heute sitzt die Witwe des erschossenen Piloten, Monika Schumann, im Beirat der Organisation. Die Gerichtsverhandlung im Fall Andrawes ist auch ein Prozeß gegen das Vergessen. Mehr als 40 der 87 ehemaligen Geiseln sind als Zeugen geladen.
Die meisten der während der bisher 17 Verhandlungstage Gehörten konnten sich nur mit Mühe an die Ereignisse zurückerinnern. Simone Liedtke, für die als 16jährige der Rückflug einer gewonnenen Urlaubsreise zum Geiseldrama wurde, hat die Einzelheiten der Entführung inzwischen vergessen. Sie weiß nur noch von ihrer "ständigen Angst, daß die Maschine in die Luft fliegt oder jemand erschossen wird". Einige der anderen Passagiere trifft sie heute noch. "Schön, dich zu Hause und nicht im Flugzeug zu sehen", begrüßen sie sich dann. Von der Entführung reden sie kaum miteinander, berichtet Liedtke. "Wir versuchen, das zu vermeiden."
Vietor dagegen will sich an jede Einzelheit während der Geiselnahme erinnern. Vor seiner Zeugenaussage vertieft er sich auf einer Bank im langen Korridor des Gerichtsgebäudes in einen Aktenordner. Anderthalb Tage nach seiner Rückkehr aus Mogadischu hat er den Ablauf der Entführung genau aufgezeichnet - um seine Papiere 18 Jahre lang nicht mehr hervorzuholen. Er sei ein "Meister des Verdrängens".Nun aber will er sich in die Situation von damals zurückversetzen. Als Vietor von Andrawes' Festnahme und Auslieferung nach Deutschland hörte, freute er sich nicht. Er dachte nur: "Jetzt geht das wieder los." Aber nun möchte er, daß sie nach deutschem Recht verurteilt wird. So holte er seine Akten hervor. Außerdem hat er sich Videos angeschaut.
Bevor er sie im Gerichtssaal wiedersehen würde, wollte er wissen, wie Andrawes inzwischen aussieht. "Es ist nicht so, daß ich sie abgrundtief hasse", erklärt er, "aber sie hat mein Leben sehr verändert." Im Gerichtssaal geht die Angeklagte dicht an ihm vorbei, stoppt und lächelt ihm schüchtern zu. Vietor schaut sie kurz an und wendet sich ab. Später in der Verhandlung sagt er aus, nach der Erschießung Schumanns hätten alle vier Entführer gelacht "wie nach einer Party". Darüber habe er jahrelang nachdenken müssen.
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt (Online-Ausgabe: www.sonntagsblatt.de) 1996
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