Die Teufelsteine

Die Teufelsteine

... Heidener Sagen

 
Dat Darp an de "Düwelsteene"

Druckvertrieb Johannes Bläser,
Borken i. Westf., um 1930

 
Heidener Sagen

Die Entstehung des Römersees
Datt verdrügete Bocholt
Entstehung der Namen Heiden und Engelrading
Die Teufelsteine bei Heiden
Worte-Hund
Der dicke Vogt
De Kiärkenhase
Kranenmeer
Werwolf
Das Kiwittsmännken

 

Heidener Sagen

von Hermann Büscher

Wohl in keinem Orte des Kreises Borken sind uns so viele Sagen erhalten als in Heiden. Zum größten Teil wird der Grund darin zu suchen sein, weil der Ort wie kaum ein anderer vom Verkehr abgeschlossen war. Erst sehr spät erhielt er die Kunststraßen und auch die Eisenbahn sauste bis vor kurzer Zeit ohne Aufenthalt in einer Entfernung von ca. Stunde an dem stillen Oertchen vorüber. Die am weitesten zurückgreifende Sage ist diejenige, welche uns berichtet über

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Die Entstehung des Römersees.

Über den Ort, wo die Varusschlacht 9. 9. 9 nach Chr. stattgefunden haben soll, sind sich die Gelehrten noch nicht einig. Eine uralte Sage verlegt die Varusschlacht in die Gegend zwischen Dorsten und Borken. Als die römischen Regionen, 5-6 an der Zahl in einer Stärke von je 4500 Mann, von den Germanen plötzlich überfallen wurden, gelang es der römischen Reiterei, jeder Legion waren 300 Reiter zugeteilt, zu entfliehen. Ungefähr in der Mitte zwischen den heutigen Flecken Heiden und Ramsdorf machten sie halt, um die Pferde rasten zu lassen. Der Schweiß triefte von den erschöpften Tieren und füllte die Senkung, so das ein kleiner See entstand, der bis auf den heutigen Tag den Namen "Römersee" führt. - Nach anderen Angaben soll an der genannten Stelle die Schlacht selbst stattgefunden haben und das Blut der Erschlagenen zu einem Blutsee zusammengeflossen sein. - Die nun folgenden spielen zur Zeit der Einführung des Christentums in unserer Gegend.

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Datt verdrügete Bocholt.

Während Karl der Große, 768-814, mit kriegerischer Gewalt das Christentum bei unseren Vorfahren, den alten Sachsen einführen wollte, waren schon vorher selbstlose angelsächsische Prediger über den Rhein in das Sachsenland vorgedrungen, um auf friedlichem Wege die Heiden zum Christentum zu bekehren. Zu diesen gehörten die Gebrüder Ewaldi, zubenannt nach der Farbe ihres Haupthaares der schwarze und der weiße. Sie predigten zuerst in der Stadt Bocholt, die damals nicht an ihrer jetzigen Stelle, sondern zwischen Rhede und Rhedebrügge lag. Die Einwohner setzten den Belehrungsversuchen heftigen Widerstand entgegen, und sie wollten die Priester sogar töten. Gott aber strafte die Hartnäckigkeit der Heiden schwer. In einer grausen Wetternacht sank der ganze Ort in die Tiefe und noch heute heißt die Stätte, wo die Stadt gestanden hat, "Das versunkene Bocholt."

Von Bocholt zogen die Gebrüder weiter in das Innere des Landes hinein und machten Halt zwischen den heutigen Dörfern Heiden und Reken. Hier erging es ihnen nicht besser als in Bocholt. Darüber folgendes:

Als die Gebrüder Ewaldi sich zur Rast niedergelassen hatten, strömte viel Volk dorthin zusammen. Diese Gelegenheit benutzten die beiden Ewaldis, um den Heiden die neue Glaubenslehre auseinanderzusetzen. Das Volk aber zeigte kein Verständnis. Es ergriff die Missionare, band sie fest auf eine Bahre und schleppte sie zum Kranenmeer, um sie dort zu ertränken. Da erhob sich plötzlich ein furchtbares Gewitter, Blitz folgte auf Blitz und der Donner grollte fürchterlich. Ohne ihren Vorsatz ausgeführt zu haben, eilten die Bauern heim. Aber was sahen sie? Der Gewittersturm hatte Haus und Hof vernichtet und mit gewaltigen Massen Treibsand bedeckt. Die Missionare, welche sich aus ihrer Lage befreiten, nannten den ungastlichen Ort "Dat verdrügete Bocholt". Diesen Namen führt es auch heute noch. Eher die Gebrüder ihre Tätigkeit voll und ganz entfalten konnten, wurden sie im Jahre 695 in der Nähe von Borken von einem Bauern mit einer Keule erschlagen.

Einen durchschlagenden Erfolg zur Einführung des Christentums gaben erst die siegreichen Kämpfe Karls des Großen mit den Sachsen. Als im Jahre 785 der unterworfene Sachsenherzog Widukind sich mit vielen Vornehmen des Landes taufen ließ, da erst wurde die Bekehrung der Sachsen allgemein. Zur Befestigung des Christentums wurden von Karl dem Großen Bischöfe eingesetzt. Der erste Bischof im Münsterlande war der hl. Ludgerus. Sein Lieblingsort war Billerbeck. Von hier aus machte er seine Bekehrungsreisen. So kam er auch einstens zum heutigen Orte Heiden, welcher von ihm seinen Namen erhalten hat. Darüber folgende sage:

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Die Entstehung der Namen Heiden und Engelrading

In keinem Orte des Münsterlandes wurde der Annahme des Christentums größerer Widerstand entgegengesetzt als in Heiden. Alle Bekehrungsversuche des hl. Ludgerus waren vergebens, er erntete mehr Spott und Hohn. Schließlich gab er seine fruchtlose Arbeit auf und entfernte sich in der Richtung von Marbeck. Als er an den Ort kam, wo heute das Haus Engelrading steht, sah er plötzlich vom Himmel einen Engel auf sich zufliegen. Dieser gab ihm den Rat, noch einmal einen Versuch mit der Bekehrung der Bewohner von Heiden zu machen. Ludgerus folgte dem Geheiß des Engels und siehe da, das Volk glaubte den Worten des Heiligen und ließ sich taufen. Ludgerus aber, erbost über die lange Hartnäckigkeit der Leute rief ihnen zu: "Weil ihr so lange am Heidenglauben festgehalten habt, so soll eure Ortschaft für ewige Zeiten den Namen "Heiden" führen". Die Stelle wo der Engel ihm den guten Rat gegeben hatte, nannte Ludgerus "Engelrading", und dieser Name ist übergegangen auf die Burg, die später dort erbaut wurde. Auch die folgende Sage

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Die Teufelsteine bei Heiden

spielt zur Zeit Karls des Großen. In der Bauerschaft Nordick, ca. 3 km von Heiden entfernt, haben uns die Ureinwohner unseres Landes ein merkwürdiges Denkmal hinterlassen, eine altheidnische Grabstätte. Die einzige derartige Anlage im ganzen Gebiete des Münsterlandes besteht aus 20 großen Steinblöcken, welche auf einem runden Hügel zusammengetragen sind. Vier mächtige Decksteine, der größte ist 2,5 m lang, 2 m breit und 0,5 m dick, ruhen auf je zwei Tragsteinen und bildeten eine Grabkammer. Um diese waren die kleineren Steine kreisförmig aufgestellt. Die äußere Breite der Grabkammer beträgt 2 m, die Länge 8 m. Leider sind durch Grabungen nach Urnen die Steine wild durcheinandergewürfelt.

Wie sind nun die Steine dorthin gekommen? Der Volksmund berichtet darüber folgendes: Der Teufel befand sich einstens auf dem Wege nach Aachen, um den Dom, den Karl der Große dort errichtet hatte, zu zerstören. Zu diesen Zwecke hatte er alle großen Findlinge im Lande zusammengesucht und trug diese in einem Sacke auf dem Rücken gen Aachen. Schweißtriefend schleppte er sich unter der Last mühsam weiter. Bei Heiden begegnete ihm ein Schuster, der zwölf Paar verschlissenen Schuhe auf dem Rücken trug. Diesen fragte der Teufel, wie weit es bis Aachen sei. Der Schuster hatte den Teufel am Pferdefuß erkannt und sagte: "Ich komme geradewegs von Aachen, die Schuhe, die ich auf dem Rücken trage, habe ich von dort bis hier verschlissen." Da schüttelte der Satan unter fürchterlichem Fluchen den Sack aus, dass die Felsblöcke zur Erde fielen und der Boden unter den Füßen des Schusters zitterte und bebte. Das Volk erzählt ferner, dass die Steine niemand zählen kann und dass niemand die Steine ohne Schaden von ihrer Stelle holen und zerstören kann. Einst holte sich ein Bauer einen flachen Deckstein und verwendete ihn als Platte für seinen neuen Backofen. In der Geisterstunde der folgenden Nacht entstand im ganzen Hause ein Poltern und Lärmen, die Kühe hatten sich im Stall losgerissen, die Schweine rannten wie toll im Stall umher, und die Hühner flatterten entsetzt von ihren Sitzstangen. Bei näherem Zuschauen fand man den neuen Backofen eingestürzt und der flache Stein lag am folgenden tage wieder an seiner ursprünglichen Stelle in der Gesellschaft der anderen Teufelsteine. - Aus der Zeit des 30jährigen Krieges stammt die sage von

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Worte-Hund

Im Jahre 1623, als der tolle Christian von Braunschweig bei Stadtlohn vom Feldherrn Tilly geschlagen war, soll ein Junker vom Gute M. in Heiden von 3 Landsknechten, die früher als Knechte in seinem Dienst gestanden hatten, ermordet worden sein. Die Tat geschah aus Rache dafür, dass er sie einst an herumziehende Werber verkauft hatte. Selbst nach seinem Tode fand der Junker noch keine Ruhe. Als schwarzer Hund mit feurigen Augen und feurigem Munde spukt er umher. Weil der Mord auf dem Grundstück "Upp de Worte" geschehen ist, hat der Hund den Namen Worte-Hund erhalten. Noch heute ist der Hund sehr gefürchtet; denn wer ihn gesehen muss innerhalb eines Jahres sterben.

Drum fürchtet jeder bis zur Stund'
In Heiden sehr den Worte-Hund,
Man mag den Namen nicht mal nennen,
Denn jeder tut das Sprichwort kennen:
"Wenn man es von den Düwel spreck,
Dann sitt he mehrstens all uppt Heck!"-

Auch an außergeschichtlichen Sagen ist Heiden ungemein reich. Die bekannteste von ihnen ist wohl die Sage:

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Der dicke Vogt

Noch heute sagt der Volksmund von ihm:

"Der dicke Vogt von Heiden
- Wir wollen ihn nicht beneiden -
Der hat gewogen,
Ungelogen,
Dreimal hundert und fünfzig Pfund!"

Er war ein Räuber in des Wortes wahrstem Sinne. Seine Knechte durchzogen das ganze Land und raubten, mordeten und plünderten. Nach seinem Tode fand er deshalb im Grabe keine Ruhe. Am Tage nach seinem Begräbnisse saß er wieder an seinem gewohnten Platz. Mit Hilfe eines Paters aus dem nahen Burlo brachte man ihn endlich zum Velener Moor, wo er bestattet wurde. Aber auch hier hat ernoch keine Ruhe gefunden. Zweimal im Jahr erhebt er sich aus dem Grabe und rückt einen großen Hahnenschritt näher dem Dorfe Heiden zu. Wenn er so nahe gekommen ist, dass er den Hahnenschrei von Heiden hören kann, dann hat seine Erlösungsstunde geschlagen. Zur Zeit soll er schon bis zu den "Sieben Teljen" in der Bauerschaft Nordick gelangt sein. - Ungefähr 10 Minuten vom Dorfe Heiden entfernt, nördlich der Chaussee Heiden-Engelrading, lag die Burg der Grafen von Heiden. Keine Mauer zeugt mehr von der einstigen Herrlichkeit: versunken und vergessen durch Gottes Fluch, hervorgerufen durch die grausige Tat, die geschildert wird in der Sage:

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De Kiärkenhase.

Am heilgen Sunndag, in fröher Stund,
Es kaum de Muorgen erwachte,
De Graf von Heiden de Buren dei kund,
Datt he an den dag fröh um achte,

Mit Hörnerklang und Trompetenschall
woll up de Jagd düör de Fluren,
Un datt he bejagen woll Busk und Wall
Un Felder und Wold mit de Buren.

denn Priester gaff he drüm Bescheed,
Datt erst üm de elfte Stunde,
Wenn he datt Jagen düör de Felder waß leed
Un möde he mit siene Hunde,

Datt heilge Opfer soll brengen duor
Vüör sick un siene Gemeine,
Un düsse Befehl, so klipp un so klor,
Verdrög bie den Graf kinn: "Verneine!"

Nu gönk datt Jagen mit Horido,
Un Stund upp Stund waß verschwunden,
De Graf mit de Burenjagd immertho,
Nich möd' würd je mit siene Hunde.

Duor plötzlick jiär van de Kiärke klang
Tho Wandlung dreimal de Klocke,
Duor würdet de Buren von Hiärten bang,
De Graf doch schwört upp sienen Stocke:

"Datt sool no an den sölwigen Dag
De Priester em duovüör stiärben."
Un duorüm he schnell na Heiden hän jag
Denn Priester duor gliek the verdiärben.

Doch kaum waß de Fluch ut sienen Mund
Duor tröck herupp en Gewitter,
Un rund üm den Grafen un sienen Hund
Würd schlagen duor alles in Splitter.

So kam de Graf unner Blitz un Krach
Na Heiden, beß an de Kiärke,
De Buren, de schreiden er "Weh un Ach"
Ut Angst wüör datt datt schreckliche Wiärke.

Doch Gott de hölp, in denn Aogenblick,
Es grad de Priester soll stiärben,
Duor tröff denn Grafen sien schwuore Geschick!
En Blitzschlag, de bracht em Verdiärben!

De Geiß des Grafen doch fünd nich Ruh,
He föhrde gliek in 'nen Hasen.
De Dag un Nacht ohne Rast un ohn Ruh
Düör Felder un Busk mott nu rasen.

He sitt dann in Heiden upp datt Graff,
Wo enst den Graf man verscharret;
Uem een Uhr jedoch, dann löpp he wir aff,
He stets upp Erlösung no harret! -

Eine andere Sage, in der auch von der Entheiligung des Sonntags die Rede ist, handelt vom

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Kranenmeer.

Der einsame Wandersmann, der seinen Weg durch die Bauerschaft Leblich nimmt, gewährt inmitten einer öden Heidelandschaft einen herrlich gelegenen Teich, das sogenannte Kranenmeer. Hieran knüpft sich folgende sage:

In uralter Zeit stand darselbst das Kranen-Kolonat. Der Besitzer desselben war ein sehr eifriger Jäger. Eines Sonntags nun, als die ganze Gemeinde dem Hochamte beiwohnte, fröhnte er wieder seiner Jagdlust. Zur Strafe dafür ist er mit seinem Kolonate während eines Gewitters in die Erde gesunken und an der Stelle des Hauses ist der Wassertümpel entstanden, der bis auf den heutigen Tag noch den Namen "Kranemeer" trägt. In einiger Entfernung sind noch in der Heide die Spuren von schmalen Aeckern sichtbar, die früher zu dem Kolonate gehört haben. - Auch ein

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Werwolf

soll früher in Heiden gelebt haben. Ein Mann, der im Besitz einer Wolfshaut mit Haaren war, konnte sich in einen Werwolf verwandeln, wenn er sich den Streifen Wolfshaut umband. Er besaß alsdann eine außergewöhnliche Stärke. Er konnte einen Ochsen ins Maul nehmen und forttragen. Leider besaß er in verwandeltem Zustande auch die böse Natur des Wolfes, er fraß und würgte Menschen und Vieh. Noch jetzt soll er sich bisweilen im Haselhoff in der Nähe des Bahnhofs Marbeck-Heiden aufhalten. - Zum Schluss sei noch erwähnt

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Das Kiwittsmännken

welches sich im Kiwitt, an der Chaussee nach Großreken gelegen, aufhält. Es ist der Schreck der Schmuggler, welche in stockfinsterer Nacht ihrem lichtscheuen Gewerbe nachgehen. Schaurig schallt sein Ruf durch die Finsternis und jagt dem Schmuggler Angst und Schrecken ein. Gar häufig springt er auch dem Erschreckten auf die Schulter und macht sich alsdann so schwer, dass der arme Geängstigte nicht weiter kann und in seiner Verzweiflung all sein Gepäck von sich wirft und in rasender Hast davoneilt. Will er alsdann am andern Tag nach seinem verlorenen Gut suchen, so findet er an der Stelle nichts als "Peddenstühle". -

Das schwelende Herdfeuer hat dem Kochherd weichen müssen, der Schafhirt gehört der Vergangenheit an, die Industrie rückt näher und näher, und Autos durchsausen die einstens einsamen Gefilde, und damit ist die sage dem Untergang geweiht. Unsere Aufgabe muss es darum mehr denn je sein, die alten Sagen zu sammeln, auf dass wahr bleibe das Wort des Dichters Adalbert von Chamisso:

"Es ward von unseren Vätern in Treue uns vermacht
Die Sage, wie die Väter sie ihnen überbracht;
Wir werden unsern Kindern erwerben sie aufs neu,
Es wechseln die Geschlechter, die Sage bleibet treu."
 

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